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berühmte Lehrer

Konrad Stäblein - ein Lehrer der Winthirschule, 1916 gefallen für “König und Vaterland“ (von Heinz Skrzypnik):

Am 23. Februar 1929 wurde in der Winthirschule eine Gedenktafel für die sechs im Ersten Weltkrieg gefallenen Lehrer enthüllt. Was kann man über die genannten Personen 90 Jahre nach ihrem Tod noch herausbringen? Bei dem mit “Oberleutnant“ bezeichneten, also ranghöchsten Soldaten, Konrad Stäblein, kam der Zufall zu Hilfe: Auf einem Flohmarkt kamen Briefe, Formulare, Urkunden und Fotografien aus seinem Nachlass ans Tageslicht. Diese Text- und Bilddokumente erlauben uns einen Einblick in das private und soldatische Leben dieses Mannes.

Geboren wurde Konrad Friedrich Stäblein am 10. Oktober 1882 in Marktsteft a.M., Bezirk Kitzingen (Unterfranken). Seine protestantischen Eltern waren der Seminarlehrer Friedrich Stäblein und dessen Frau Babette, geborene Hahn.

Nach dem Besuch des Lehrerseminars in Schwabach wurde er Volkschullehrer in München. Sein erstes Domizil in München war vom 4. September 1906 an in der Mathildenstraße 3. Möglicherweise kam seine Berufung an die evangelische Schule am Winthirplatz durch den damaligen Oberlehrer Karl Freytag zustande, der ebenfalls aus Marktsteft stammte.

Seine militärische Laufbahn hatte Konrad Stäblein bereits am 1. Oktober 1903 begonnen, als er als Einjährig-Freiwilliger ins 21. Infanterie Regiment eintrat. Bereits am 1. Juli 1904 war er Unteroffizier. Nach mehreren Manövern, in den Jahren 1909, 1912 und 1913 – letzteres war mit einem Reitkurs verbunden – wurde Konrad Stäblein am 9. April 1913 auf Prinzregent Ludwig und am 4. April 1914 auf den nunmehrigen König Ludwig III. vereidigt. In einem Qualifikationsbericht vom 19.9.1912 heißt es: “Eignet sich unbedingt für seine gegenwärtige Stellung und zur Beförderung zum Oberleutnant.“ Besonders gelobt wurden seine Art der Unterrichtserteilung, seine Umgangsformen und seine Beliebtheit im Kameradenkreis sowie sein tadelloses Verhalten innerhalb und außerhalb des Dienstes.

Am 2. August 1914, einen Tag vor der Kriegserklärung gegen Frankreich, ging Konrad Stäblein ins Feld und war bereits vom 20. August an an Schlachten in Lothringen, Nany Epinal, zwischen Maas und Mosel, beteiligt. Weitere Stationen waren Vigneulles, St. Mihiel, Lavigneville, Flirey und immer wieder die Maashöhen. Am 18. Januar 1915 wurde er zum Oberleutnant der Reserve befördert, und am 16. Februar 1915 wurde ihm das Eiserne Kreuz II. Klasse und am 10. Juni 1915 der Bayerische Militär-Verdienst-Orden IV. Klasse mit Schwertern verliehen. Am 23. Juni 1916 wurde Konrad Stäblein bei der Erstürmung des Zwischen-Werks Thiaumont verwundet. Im Feldlazarett Pierrepont erlag er am 27. Juni 1916 seinen Verletzungen.

Konrad Stäblein hinterließ seine 29jährige Ehefrau Wilhelmina, geborene Hammer, aus Thannhausen, mit der er in der Wendl-Dietrich-Straße 4 gewohnt hatte. Ihr umfangreicher Briefwechsel während des Krieges – Konrad Stäblein schrieb jede Woche vier bis fünf Briefe und oft an einem Tag zwei Feldpostkarten – zeigt die große Liebe dieser beiden. Konrad beginnt seine Briefe meist mit der Anrede “Meine herzensgute Willy“ und beendet sie mit der Unterschrift “Dein getreuer Konrad“. Auch in finanzieller Hinsicht sorgte er sich um sie: Monatlich schickte er seiner “kleinen Maus ein paar Kreuzerlein“ in Form von 100 Mark.

Wilhelmine Stäblein ließ die sterblichen Überreste ihres geliebten Gatten nach München überführen und auf dem Westfriedhof, Sektion 23, Reihe 1, Nr. 7, beisetzen. Die Kriegerwitwe starb mit neunzig Jahren, sie wurde am 13. Mai 1977 neben Konrad beerdigt. Da die Ehe kinderlos geblieben war, ist die Grabstätte des Ehepaares nicht mehr erhalten, sie wurde 1994 aufgelöst.



 

Karl Freytag - der außergewöhnlichste Lehrer an der Winthirschule: Oberlehrer Karl Freytag.

Pädagoge, Künstler und Organisator

Als Sohn eines Weinhändlers und Schaumweinfabrikanten wurde Karl Freytag am 1. Juni 1866 im unterfränkischen Marktsteft geboren. Mütterlicherseits war er ein Urururgroßneffe des Komponisten Johann Sebastian Bach. Sowohl in der Schule, wie auch im Lehrerseminar war er der jeweils Klassenbeste. 1889 wurde er – damals noch Hilfslehrer – auf eigenen Wunsch an die III. protestantische Münchner Schule an der Luisenstraße versetzt.

1891 heiratete Karl Freytag die Bürodienerstochter Maria Henne. Der Ehe entsprossen zwei Söhne und zwei Töchter. Als seine Frau 1902 verstarb, heiratete er Elisabeth Henne, die jüngste Schwester seiner ersten Frau. Mit ihr hatte er zwei weitere Töchter, aber auch sie starb bereits im Jahr 1914. Freytag ging noch eine dritte Ehe mit der Lehrerin Auguste Emhart ein, mit der er nochmals zwei Töchter und einen Sohn hatte.

Von 1910 bis zu seinem Lebensende bewohnte die Familie ein Reihenhaus in Gern, in der Klugstraße 124.

Seit 1892 schrieb Freytag die Chronik seiner Familie und die Lebensgeschichte seiner neun Kinder. Diese Arbeit umfasste schließlich 30 Bände mit 3.000 Seiten und rund 1.000 Illustrationen.

Schon 1902 richtete er im Auftrag Georg Kerschensteiners die Berufsfortbildungsschule für Stukkateure und Bildhauer ein und leitete sie bis 1907.

Auch als Maler betätigte sich Karl Freytag. Von seinen mehr als  2.800 Gemälden befanden sich rund 200 in den Gängen und Zimmern der Winthirschule. (Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Bilder auf die Münchner Schulen verteilt. In der Winthirschule verblieben diejenigen Gemälde, auf denen Neuhauser Motive dargestellt sind. Da Freytag fotografisch genau malte, sind seine Bilder für die Stadtteilgeschichte von hohem Wert.).

Jedes Jahr von April bis Oktober hielt er sich täglich auf dem Turnplatz an der Maßmannstraße auf, wo er als Turnlehrer tätig war. 1895 hatte er bei den Oktoberfestwettkämpfen im Wettlauf den ersten Preis unter 80 Rennläufern errungen.

Freytag war auch sehr sprachbegabt, er sprach Englisch, Französisch und Italienisch und hatte in London, Paris und Venedig kurze Studienaufenthalte verbracht.

Im Münchner Lehrerverein und im Bayerischen Volksbildungsverband war er an führender Stelle tätig. Seine politische Heimat hatte Karl Freytag beim “Liberalen Verein Neuhausen-Nymphenburg“, dessen Vorstand er angehörte.

Seit 1907 war Freytag Oberlehrer (Rektor) der evangelischen Abteilung in der Hirschbergschule, ab 1912 bis zu seiner Pensionierung Oberlehrer an der Winthirschule.

Im Jahr 1910 begann Freytag Führungen durch Münchner Museen und Galerien durchzuführen. Schließlich wurden es 2.244 solche Veranstaltungen mit 80.625 Teilnehmern.

Sofort nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges gründete Karl Freytag die “Private Kriegshilfe München-Nordwest“. Während der Kriegsdauer verköstigte dieser Verein täglich 500 Kinder und unterstützte 4.000 Familien. Um diese Arbeit finanzieren zu können, hatte Freytag einen Kriegs(post)kartenverlag ins Leben gerufen, der 18 Millionen Postkarten verkaufte und dabei einen Gewinn von   720.000 Mark erwirtschaftete.

Er stand auch an der Spitze der Münchner Kleingartenbewegung, wobei er den Bestand von 500 Gärten vor dem Ersten Weltkrieg auf fast 10.000 Kleingärten bis 1919 hochschraubte. Schließlich wurde er auch Vorsitzender des Deutschen Kleingärtnerverbandes mit über 400.000 Mitgliedern.

1917 war sein ältester Sohn gefallen, der zweite Sohn wurde so schwer verletzt, dass er später an den Folgen verstarb.

Freytag gründete 1921 auch die Genossenschaft “Eigenhaus und Garten“ in Berg am Laim. Seit August 1931 gab es in Freimann die “Karl-Freytag-Straße“ und in der Englschalkinger Straße, wo auf Betreiben Freytags Kleingärten für Arbeitslose geschaffen worden waren, stand ein Schild mit der Aufschrift “Karl-Freytag-Land“.

1922 gründete Karl Freytag die “Deutsche Kultur München-Nordwest“, die insgesamt 374 Veranstaltungen (Konzerte, Ausstellungen ect.) in Neuhausen, Nymphenburg und Gern durchführte, wobei 1.200 Künstler auftraten und über 25.000 Mark Honorar ausbezahlt wurde.

Insgesamt war Karl Freytag in zehn Vereinen und Verbänden erster Vorsitzender und in acht weiteren Vereinen Vorstandsmitglied.

1931 wurde er 65 Jahre alt. Da Freytag aber noch nicht in Pension gehen wollte, beantragte er seine weitere Verwendung im Schuldienst. Für ein weiteres Jahr blieb er Rektor der Winthirschule, am 31. März 1932 ging er schließlich in den Ruhestand.

Dieser Schritt wird für ihn nicht leicht gewesen sein, hatte er sich doch in den vergangenen 25 Jahren mit einem unglaublichen Arbeitsfanatismus große Verdienste sowohl auf schulischem, wie auch auf sozialem und künstlerischem Gebiet erworben.

Blockleiter, Volkssturmmann, Kriegsopfer

Es scheint, dass Karl Freytag im Ruhestand mit der nun vorhandenen Freizeit nichts Rechtes anfangen konnte. Als die Nationalsozialisten am 9. März 1933 auch in Bayern die Macht übernahmen, dauerte es nur zwölf Tage, bis Freytag in die NSDAP eintrat. Auch dem Nationalsozialistischen Lehrerbund, der Reichskulturkammer und dem Reichsluftschutzbund trat er noch 1933 bei.

Schon am 6. Mai 1933 wurde er vom Reichsarbeitsminister als Führer für die Gleichschaltung im Reichsverband der Kleingartenvereine Deutschlands“ aufgestellt. Freytag hatte dafür zu sorgen, dass in jedem deutschen Kleingartenverein eine den Nazis genehme Vereinsführung installiert wurde. Als Ende Juli 1933 in Nürnberg der Reichskleingärtnertag stattfand, hatte er 530.000 Kleingärtner in den “NS-Reichsbund der Kleingärtner und Kleinsiedler“ überführt.

In der NSDAP-Ortsgruppe Borstei avancierte Freytag zum Blockwart und im Reichsluftschutzbund betätigte er sich intensiv im Range eines Untergruppenführers (das entspricht in etwa dem militärischen Rang eines Majors).

Als im September 1944 der “Volkssturm“ aufgestellt wurde, in den alle waffenfähigen, nicht der Wehrmacht angehörenden Männer zwischen dem 16. und dem 60. Lebensjahr eingezogen wurden, meldete sich der 78-jährige Karl Freytag dazu freiwillig.

Am 31. Oktober 1944 fiel sein dritter Sohn an der Ostfront. Der Münchner NS-Oberbürgermeister Fiehler schickte ein Beileidsschreiben, für das sich Karl Freytag am 28. Dezember 1944 schriftlich bedankte. Darin schrieb er:  “... ich trage das mir auferlegte Los als deutscher Mann und Parteigenosse in dem unerschütterlichen Glauben an den Endsieg unserer gerechten Sache. Hingebende Arbeit als Blockleiter der Partei, als Untergruppenführer des Reichsluftschutzbundes und als Freiwilliger des Volkssturms, .... alle diese Arbeit muß mir tröstend über Verluste und Sorgen hinweghelfen“. Im letzten Satz schrieb Freytag: “Der tapfere Widerstand unseres deutschen Volkes an der Front und in der Heimat .... bestärken mich in dem zuversichtlichen Glauben, dass alle gebrachten Opfer Bausteine für Großdeutschlands Leben, Freiheit und Zukunft sind. Dazu meinen bescheidenen Beitrag leisten zu dürfen, erachte ich als meine heilige Verpflichtung gegenüber unserem großen Führer und unserem teuren Vaterland. Möge das neue Jahr 1945 uns den heißersehnten glorreichen Frieden bringen! Heil Hitler! Karl Freytag”

Seine dritte Ehefrau verstarb am 20. März 1945. Freytag erlitt bei einem Luftangriff am 16. April 1945 schwere Verletzungen, denen er am 21. April 1945 in einem Krankenhaus in Landshut erlag.

Widerrufene Ehrung

Am 30. August 1945 stimmte der Münchner Stadtrat einem Antrag des Bayerischen Volksbildungsverbandes zu, die Winthirschule in “Karl-Freytag-Schule am Winthirplatz“ umzubenennen. Am 5. September 1945 erfolgte die Umbenennung.

Schon einige Tage später wurde diese Ehrung widerrufen. In Freytags Personalakt fand man den oben zitierten Brief. Oberbürgermeister Scharnagl schrieb daraufhin an das Schulreferat: “Nachdem sich herausgestellt hat, daß der verstorbene Herr Karl Freytag nicht nur der NSDAP angehörte, sondern auch in einer mehr als formalen Weise seine Mitgliedschaft bekundete, wird in Übereinstimmung mit der Meinung des Ältestenausschusses die am 30.8.1945 von mir verfügte Ehrung nicht aufrechterhalten. Eine Umbenennung der Winthirschule in ‘Karl-Freytag-Schule am Winthirplatz’ findet also nicht statt“.

Auch die Karl-Freytag-Straße in Freimann wurde am 22. April 1947 in “Hermann-Vogel-Straße“ umbenannt.

Fazit

Als hoch begabter Pädagoge, als Idealist, humanistisch und künstlerisch gebildet, als außergewöhnlicher, sozial engagierter Organisator, so präsentiert sich der Lebensweg Karl Freytags bis 1932.

Dann der Bruch in seiner Biografie: Er mutierte zum typischen NS-Funktionär, der bedingungslos bis zum Ende Hitlers Politik fanatisch unterstützte.

Der vier Monate vor Kriegsende geschriebene Brief mit seinem Menschen verachtenden Text angesichts des Todes des letzten Sohnes macht deutlich, dass sich Freytag von den Idealen seiner Jugend verabschiedet hatte und damit der Anspruch auf die Benennung einer Münchner Schule nach ihm endgültig dahin war.

 



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